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Jeder Schriftsteller will beschreiben, was ist. Er will Wirklichkeit schildern, und sei es die seiner Fantasie. Die meisten beginnen, in Ermangelung anderer Wirklichkeit, mit den eigenen Erfahrungen, Leiden, Hoffnungen. Einige bleiben auch später dabei. Die ständige Wiederholung immer gleicher Leiden und begrenzter Erfahrungen wirkt auf Leser allerdings wenig ermutigend und schon gar nicht unterhaltsam. Diese Leser entschließen sich dann häufig, da sie ja ihr Geld nicht umsonst ausgegeben haben wollen, einen auf hohem ästhetischen Niveau bedeutungsvoll klagenden Schriftsteller für tief zu halten. Andere Schriftsteller hören zwar ebenso wenig auf, ausschließlich von sich selbst zu reden. Aber sie reißen alles um sich herum sozusagen in sich hinein, alle Menschen, die ihnen begegnen, alle Orte, an die sie gelangen, Länder, Kontinente, die Milchstraße, das Universum. Alles wird Bestandteil und Anlass monomanischer klarsichtiger Raserei, von Schmerzens- und Glücksexzessen, von unaufhörlicher Selbstverdeutlichung. Schließlich die Schriftsteller, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt entschließen, ihre Aufmerksamkeit in erster Linie nicht auf sich selbst, sondern auf das zu richten, was sie umgibt, was Ursache ihrer Erfahrungen, Leiden, Hoffnungen ist. Es nicht in sich hineinzuziehen, sondern, im Gegenteil, geduldig und leidenschaftlich zu beobachten und sich selbst, allenfalls, in eine akkurat beschriebene, erträumte, fantastische Wirklichkeit hineinzuarbeiten wie mittelalterliche Maler Ihr Selbstbildnis zwischen Bürgern und Kreuzigern unterbringen, unkenntlich gemacht, aber deutlich. Nun gehören zur Wirklichkeit, auf die der Schriftsteller sich einlässt, auch die Theorien darüber, was Wirklichkeit ist und wie man ihrer habhaft werden kann. Nicht wenige dieser Theorien verstellen den Zugang zur Wirklichkeit, statt ihn zu öffnen, und vor entnervenden Diskussionen solcher überflüssiger Theorien schützt sich der Schriftsteller am besten, indem er schleunigst selbst eine entwickelt, die dann von anderen diskutiert werden muss. Womit er das allgemeine Übel allerdings vergrößert. Dieses Übel besteht nicht so sehr in der säkularisierten Fortführung des fünfhundert Jahre alten scholastischen Gezänks. Es ist ja notwenig, sich zu streiten. Nur dadurch gelangen wir zu weiteren Einsichten. Das Übel besteht vielmehr darin, dass wir noch die alte Sorte von rein formalem Gezänk haben. Dass wir es trotz dialektischer Klimmzüge nicht fertiggebracht haben, uns auf einer unseren Erfahrungen entsprechenden neuen Ebene zu streiten. Vor einem halben Jahrtausend ging es darum, ob zunächst die Realien da waren, und dann erst die von ihnen abstrahierten Begriffe. Oder ob zuerst die Begriffe da waren, als Ursache, und dann die Realien kamen, als Wirkung. Diese - platonische - Auffassung galt damals übrigens als realistisch. Und die Auffassung, die Begriffe seien in den Realien enthalten, als deren wahres Wesen, galt als gemäßigt realistisch. Ergänzt wurde der damalige Streit noch durch wissenschaftliche Untersuchungen über die Hierarchie der Engel oder Form und Beschaffenheit von Engelsflügeln. Heute geht es im Grunde noch immer um die gleichen Fragestellungen, wenn auch mit anderer Perspektive. Und inmitten all dem, sitzen nun die Schriftsteller und denken über Realismus in der Literatur nach. Das heißt, sie bringen einen großen Teil ihrer Zeit damit zu, die Dampfmaschine noch mal zu erfinden. Zwar hat man heute eingesehen, dass realistisches Schreiben keine Stilfrage ist, eigentlich auch nicht so sehr eine Frage der Methode, sondern eher eine Frage der Haltung, der Haltung nämlich, die der Schriftsteller der Wirklichkeit und damit sich selbst gegenüber einnimmt. Aber die Bemerkung des französischen Surrealisten Andre' Breton, er weigere sich, ein übliches Zimmer mit einem üblichen Tisch und einem üblichen Stuhl samt üblichen Menschen auf dem Stuhl zu beschreiben, weil er das langweilig fände, bleibt doch interessant. Diese Bemerkung aus den dreißiger Jahren kann auch heute noch realistische Schriftsteller irritieren. Viele von uns sind ja geneigt, genau diesen Menschen auf genau diesem Stuhl geradezu festzunageln, um ihn desto präziser beschreiben zu können. Besteht denn nicht nach wie vor die dringende Notwendigkeit, ihn zu beschreiben? Aber es könnte sein, dass jemand, der dies Bedürfnis durchaus nicht hat, uns auf andere Weise Einsichten in die Wirklichkeit vermittelt. Surrealisten, beispielsweise, brauchen ein überdurchschnittlich scharfes Bewusstsein, um Unbewusstes ausstellen und drapieren zu können. Und Mithilfe eines solchen Bewusstseins und einer solchen Ausstellung können wir sehr Wichtiges über den üblichen Mann auf seinem üblichen Stuhl erfahren, etwas, das uns hilft, ihn besser zu beschreiben. Kurz, wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Erfahrungen haben in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten unseren Begriff von Wirklichkeit so sehr erweitert, dass die ästhetischen Mittel und Methoden, sie zu beschreiben, gar nicht vielfältig genug sein können.
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