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Wer Tragödien schreibt, ist Optimist. Er geht davon aus, dass Opfer und Opfertod unlösbar scheinende Konflikte lösen, die heillose Welt heilen, sittliche Werte erhalten oder sogar schaffen können. Wer Komödien schreibt, ist Pessimist. Er geht davon aus, dass Absolutes nicht existiert, dass Werte, trotz aller menschlichen Abtrampelei, immer nur Annäherungswerte bleiben, dass alles Bestehende nur vorläufig besteht, dass von sämtlichen menschlichen Tätigkeiten nur eine einzige wirklich fortschrittlich ist: über sich selbst zu lachen. Wer Schwänke schreibt, ist weder Optimist noch Pessimist. Sondern er ist stets beides zugleich, je nach Bedarf. Er geht nicht von absoluten Werten aus, er stellt sie auch nicht Infrage, er benutzt sie allenfalls, um haarsträubende Situationen herbeizuführen. Der Schwankautor lässt den Zuschauer nicht über sich selbst lachen. Er lässt ihn über andere lachen. Mit anderen Worten, er ist fein raus. Raus aus allem, was den Zuschauer beunruhigen könnte. Das heißt nicht, dass ein Schwank nicht einen realen Hintergrund nötig hätte, einen realen Kern. Im Gegenteil. So wie die erfolgreichsten Musicals (eine Gattung, die alle Gattungen vom Schwank bis zur Operette vereinigt) oft aus sozialen Spannungen Kapital schlagen, so braucht auch ein guter Schwank festen Boden unter die Füße. Um eben möglichst brillant schwanken zu können. Er braucht den realen Kern, damit er um ihn herumschwanken kann. Im "Florentinerhut" ist es der sehr reale Gegensatz von Stadt und Land, den Labiche nicht schildert, nicht darstellt, den er nur feststellt und sehr listig benutzt, um die unfreiwillige abenteuerliche Jagd einer ganzen Hochzeitgesellschaft nach einem Strohhut noch grotesker zu machen, um die wahnwitzigen Verwicklungen noch zu verschärfen. So entsteht, aus der Fülle der einander ununterbrochen folgenden verwegenen Situationen, nicht nur ein neues Genre innerhalb des Schwanks, der “Albtraumschwank“. Der heutige Zuschauer kann in Labiche auch einen Großvater des absurden Theaters erkennen. Und wie munter Opa noch immer ist, verglichen mit einigen seiner blässlichen Nachfahren.
Labiche hat, häufig zusammen mit anderen Autoren, 175 Stücke geschrieben, darunter einige, wie "Das Sparschwein", die sich ernstlich auf Wirklichkeit einließen auf die satirisch gezeichnete Wirklichkeit einer Sittenkomödie. Und so behände wie in seinen Stoffen wechselte er auch in seinem Leben die Perspektive. "Ich liebe ein bequemes Laster mehr als eine ermüdende Tugend", war sein Leitwort. Um heiraten zu können, versprach er dem künftigen Schwiegervater, der von dem jungen Autor nichts hielt, auf das Schreiben zu verzichten. Nach einem Jahr schrieb er wieder. Mit zwanzig - die Revolution von 1830 war erst fünf Jahre her - befand er sich auf der Seite der Unterdrückten: "Enterbt von allen Freuden des Lebens bleibt ihnen nur noch ... eine naturwüchsige Wollust, die die Gesellschaft ihnen nicht nehmen kann, die des Fleisches, und sie stürzen sich darauf mit der ganzen Kraft ihres Unglücks. Und der Staat macht seine Rechnung mit dieser wuchernden Fruchtbarkeit des elenden Bettes und der Not, er bediente sich des Armen wie eines Hengstes, um seine Regimenter auszufüllen." Nach 1848 ist er auf der anderen Seite: "Indem die provisorische Regierung auf autoritäre Weise das Leben der Arbeiter verbessern wollte, geht sie den falschen Weg: Der Unternehmer hat oft wegen der Sozialgesetze die Fabrik (den Brotverdienst der Arbeiter) schließen müssen. Die einzige richtige Lösung ist die der Freiheit." Der freche Spötter trachtet nach Grundbesitz, das nötige Geld erwirbt er sich mit Stücken, die den Bourgeois, der er jetzt selber wird, karikieren. Nach dem Staatsstreich Napoleons III. 1851, im Jahr des triumphalen Erfolgs vom "Florentinerhut", schreibt er: "Ich hoffe ..., dass die Vernunft in die Gehirne unserer Bürger dringt und das sie mit ihrer Stimme der Regierung eine unbegrenzte Freikarte ausstellen. Sie haben die Wahl zwischen dem Präsidenten und der Roten Republik." Schließlich lässt er sich, der kein Schriftsteller sein mochte, 1880 in die Akademie wählen, versucht noch, zu Musik von Offenbach, den er nie leiden konnte, einen Text zu machen, stirbt gottesfürchtig 1888.
„Der Florentinerhut“ ist in einer der gewaltigsten Umbruchszeiten der menschlichen Geschichte entstanden, und in einem der Zentren dieses Umbruchs. „Frankreich wird kapitalistisch nicht nur in den latenten Bedingungen, sondern auch in den manifesten Formen seiner Kultur. Der Kapitalismus und der Industrialismus bewegen sich zwar in längst bekannten Bahnen, sie wirken sich aber jetzt erst im vollen Umfang aus, und das tägliche Leben der Menschen, ihre Behausung, ihre Verkehrsmittel, ihre Beleuchtungstechnik, ihre Nahrung und Kleidung machen seit 1850 radikalere Veränderungen mit als in all den Jahrhunderten seit Beginn der modernen städtischen Zivilisation.“ (A.Hauser)
Auf meisterhafte Weise hat, Labiche nichts von alldem in seinem „Florentinerhut“. Das erklärt, warum der Hut weltweit in Mode geblieben ist. „Labiche“, sagt Emile Zola, kommt als Biedermann, berührt die menschlichen Probleme nur leicht, aber mit einer Fantasie, die über alles zu lachen versteht. Wenn die Wahrheit zu traurig ist, lässt er sie einen Bocksprung machen, und dieser Sprung ist dann unwiderstehlich ... Das Eigentümliche zu Labiche ist, dass er die Anteilnahme am Menschen so weit zu reduzieren versteht, dass man die menschlichen Laster nur noch als einfach komische Abweichungen von der Norm sieht. Seine Figuren sind meist Puppen, die er über Abgründen tanzen lässt, um sich dann über ihre Grimasse zu amüsieren.
Vor allem sorgt er dafür, dass sich das Publikum immer bewusst ist, dass alles nur geschieht, um im Theater eine angenehme Stunde zu verbringen, und dass die Komödie, was auch immer auf der Bühne passieren mag, auf die glücklichste Weise enden wird.
Quellen: B. Strauss, Materialien zu "Das Sparschwein."
A. Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur.
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